Von Glauben und Zweifeln (Osterpredigt 2019)

Glauben und zweifeln gehören untrennbar zusammen. In meiner Osterpredigt 2019 habe ich diesen Gedanken besonders hervorgehoben, denn aus meiner Sicht kann es keinen Glauben ohne Zweifel geben, denn der Zweifel ist die Eigenschaft, die hinterfragt, die nicht alles ungeprüft hinnimmt. Wer zweifelt sucht nach Antworten, dazu meine Gedanken am Ostersonntag 2019 über Joh 20,11-18:

Jesus ist wahrhaftig auferstanden! — Ich würde sehr gerne wissen, was Sie denken, wenn Sie diesen Satz hören. Manche von Ihnen, werden sicherlich überzeugt zustimmen. Andere werden vielleicht die Augen verdrehen und meinen, dass es sich nur um eine Legende handelt. Es gibt inzwischen sogar Christen, die sagen, dass die Kirche die Auferstehung gar nicht mehr braucht, weil Kirche dann viel besser bei den Menschen ankommen würden, wenn sie sich von allen übernatürlichen, unrealistischen Dingen verabschieden würden. Es gibt sogar Theologen und Historiker, die genau aus diesem Grund versuchen, die Auferstehung tiefenpsychologisch zu erklären oder der Meinung sind, Jesus könnte die Kreuzigung überlebt haben und sei dann untergetaucht.

Egal, wo Sie sich selbst unter diesen Meinungen einordnen – für den Moment erstmal ist es wichtig: Sie sind hier! Schön, dass Sie da sind, schön dass die Kirche so gut besucht ist; und es freut mich, dass wir hier zusammen Ostern feiern können. Und wenn ich Ihnen zurufe: „Jesus ist wahrhaftig auferstanden!“ feiern wir damit nicht nur unseren christlichen Glauben an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Wir feiern auch eine lange Tradition des Zweifelns an der Auferstehung und dass der Zweifel daran nicht das Ende des Glaubens bedeutet.

Dass Menschen an der Auferstehung zweifeln, ist kein Gefühl, das erst durch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten 200 Jahre ausgelöst wurde oder erst in unserer Zeit entstanden ist. Schon am Tag der Auferstehung zweifelten Menschen daran, dass Jesus das Grab wirklich auf eigenen Füßen und leibhaftig verlassen hat. Wenn Sie also nicht von der Auferstehung als historische Tatsache oder leibliches Geschehen überzeugt sind, sind Sie in sehr guter Gesellschaft. Selbst Maria Magdalena im heutigen Predigttext war nicht davon überzeugt, dass Jesus auferstanden ist, sogar als er selbst, sichtbar und greifbar vor ihr stand.

Stellen Sie sich das mal bildlich vor Augen vor: Maria Magdalene schaut ins Grab – so eine Art Gruft, in die man ein paar Stufen runterlaufen muss – sie schaut da also rein, sieht zwei Engel, die nur einen Augenblick vorher noch nicht da saßen, redet kurz mit ihnen, dreht sich dann um, sieht eine weitere Person vor dem Grab, die vorher nicht da war und denkt: „Ah, der Gärtner – der muss doch wissen, was hier passiert ist!“ – Man müsste eigentlich meinen, dass sich Maria Magdalena wenigstens mal kurz darüber gewundert hat, warum plötzlich so viele Personen im und am Grab stehen. Aber der Text führt auch vor Augen, wie verzweifelt Maria Magdalene in diesem Moment war, als sie das Grab offen vorgefunden hat und Jesu Leichnam nicht mehr dort lag.

Maria Magdalena ist im Johannesevangelium eine Person, die in einem ganz besonderen Verhältnis zu Jesus steht. Sie ist nicht die Ehefrau oder eine geläuterte Prostituierte, zu der sie in der Literatur immer mal wieder gemacht wird. Sie ist eine einfach Frau, die Jesus tief verehrte und bewundert. Sie hatte ihn als weisen Lehrer kennengelernt, aber auch als Wundertäter. Sie wusste also, wie Jesus denkt, sie wusste von seiner Macht, war überzeugt davon, dass er der Messias und Sohn Gottes ist und dazu waren sie und ihre Schwester Martha auch noch persönlich mit ihm befreundet.

Um das ein bisschen in die Gegenwart zu holen, denken Sie einfach einmal an einen Menschen in Ihrem Bekannten- und Freundeskreis, von dem Sie denken: „Joah, so wäre ich auch gerne! Das ist wirklich ein Vorbild für mich und viele andere und ich bin froh, dass ich diese Person kennen darf und Zeit mit ihr verbringen kann!“ Jesus dürfte für Maria Magdalena nicht viel mehr gewesen sein als dieses ideale Vorbild und ein sehr, sehr guter Freund. Damit ist auch Marias Verzweiflung am leeren Grab völlig verständlich. Sie hatte gesehen, wie ein enger Freund schuldlos hingerichtet wurde. Sie hatte so viele Hoffnungen in ihn gesetzt, die mit seinem Tod völlig zerschlagen schienen.

In dieser Situation – mit dieser Gefühlslage – läuft sie also früh morgens ans Grab. Im Johannesevangelium ist davon die Rede, dass es noch dunkel war. Vielleicht hatte sie in dieser Nacht vor Trauer und Hoffnungslosigkeit kein Auge zugetan und wollte einfach nur zum Grab, um dort zu trauern. Vielleicht wollte sie, wie es heute auch noch Menschen tun, allein am Grab stehen, um in der Nähe des Verstorbenen das Erlebte zu verarbeiten. Es ist dieser typische „Ich brauche Zeit für mich“-Moment, um das alles zu verstehen, den Maria Magdalena da im Garten sucht.

Und dann kommt alles anders. Vor unserem Predigttext kommt am Grab an, sieht, dass der Stein, der das Grab eigentlich verschließen sollte, weggenommen wurde. Ihre Trauer weicht Panik und der Gedanke schießt in ihren Kopf: „Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen!“ — Ganz abwegig, ist der Gedanke nicht, denn – das ist aus römischen Quellen bekannt – die Römer haben bis ins 4 Jahrhundert hinein versucht,  die Spuren Jesu in Jerusalem auszulöschen. Jesus war schließlich berühmt und hatte viele Anhänger, die seine Botschaft gehört hatten. Sowohl die Römer, als auch die Hohenpriester meinten, Jesus könnte seine Anhänger zum Widerstand gegen die staatliche und religiöse Macht aufwiegeln und da ist es natürlich klar, dass man mit dem Grab keine Pilgerstätte für die Anhänger schaffen wollte. Daher kommt dieser Gedanke auch: Sie haben den Körper weggeschafft, aber wohin!

Maria Magdalena rennt deshalb zu Petrus und dem Lieblingsjünger, erklärt ihnen, was sie gesehen hat, und gemeinsam rennen sie zurück zum Grab. Die beiden Männer, Petrus und der Lieblingsjünger, werden aber stutzig als sie in die Gruft hineinsteigen. Irgendwas stimmt da nicht: Die Leinentücher, in die der Leichname gewickelt war, liegen noch dort und daneben auch das Schweißtuch. Hätte ein Dieb oder die Römer nicht die Leiche so mitgenommen, wie sie da lag? Der Lieblingsjünger kam zuerst auf den Gedanken: Jesus musste das Grab lebendig verlassen haben! Auch wenn sie es sich nicht erklären konnten, wie das hätte passieren können, kehrten Petrus und der Lieblingsjünger mit dieser Überzeugung zurück zu den anderen Jüngern. Maria Magdalena war davon nicht überzeugt und blieb allein am Grab.

Genau hier setzt der heutige Predigttext ein von einer verzweifelten, trauernden Frau, die die Indizien nicht einordnen kann. Die die Leinentücher sieht, mit Engel spricht und schließlich sogar selbst vor Jesus steht. So groß sind Zweifel und Ungewissheit und es ist ja auch nicht der naheliegendste Gedanke, dass der Tote plötzlich wieder leben könnte.

Dieser Moment ist die Geburtsstunde der Zweifel an der Auferstehung:  Die Jünger, zweifeln daran, ob sie die Indizien richtig gedeutet haben, sie beschuldigen die Römer und Hohenpriester, den Leichnam gestohlen zu haben. Die wiederrum streuen das das Gerücht, die Jünger selbst hätten den Leichnam entwendet, um eine Auferstehung zu inszenieren. Sogar der heutige Auferstehungsbericht wurde in der Geschichte dafür als Beleg gesehen: Von den Leinentüchern und dem Schweißtuch würde man doch nur reden, um von der Idee eines Diebstahls abzulenken.

Die Glaubwürdigkeit des Textes und des Ereignisses wurden sofort bezweifelt. Niemand konnte sich vorstellen, dass Jesus wirklich und wahrhaftig auferstanden ist. Für die ersten Christen brachte die Begegnung Jesu mit Maria Magdalena noch ein ganz anderes Probleme. Während Petrus und der Lieblingsjünger nur die Indizien gesehen und daraus kombiniert hatte, dass Jesus auferstanden sein musste, hatte Maria Magdalena ihn selbst gesehen. Der erste Augenzeuge der Auferstehung war eine Augenzeugin! Damit musste Mann umgehen. In der Urgemeinde löste man das Problem relativ brachial, indem man Maria Magdalena kurzum zu einer „männlichen“ Frau erklärte und meinte, Frauen könnten das Heil nur erlangen, wenn sie wie Maria Magdalena „männlich“ seien – was auch immer das bedeuten sollte.

Aus meiner Sicht ist das Zusammentreffen Jesu mit Maria Magdalena – einer Frau – aber genau das Detail, was die Geschichte glaubwürdig macht. Hätte ein Jüngerkreis, der die Auferstehung nur inszenieren wollte, die Berichte nicht auch gleichzeitig dazu genutzt, Machtstrukturen zu etablieren? Hätte eine Gemeinschaft, in der sich Frauen unterordnen sollten und kaum Ansehen hatten, hätte diese Gemeinschaft die Frauen nicht aus dem wichtigsten Ereignis, dem größten Triumph Gottes alles Zeiten ausgeklammert? Stattdessen dieser Bericht, der Maria Magdalena eine enorme Bedeutung gibt: Jesus begegnet ihr zuerst, so dass sie als erste sagen kann: „Ich habe den Herrn gesehen!“

Diese Aussage: „Ich habe den Herrn gesehen!“ hat für das Christentum eine enorme Bedeutung. Sie wurde zum Bekenntnis der Apostel, um die Botschaft von der Auferstehung und vom Evangelium zu legitimieren. Paulus verwendete ihn im 1. Korintherbrief um seiner Gemeinde zu zeigen: Ich habe das Recht, diese Botschaft zu verkündigen, denn ich habe den Herrn gesehen, ich bin mir absolut sicher, dass es so war. — Im Garten vor dem Grab wird Maria Magdalena die erste, die Jesus beim Namen nennt und die erste, die diese Botschaft verbreiten soll und sie wird die erste, die die Zweifel zerstreuen kann.

Und im Garten vor dem Grab werden zwei weitere Dinge sehr deutlich: 1.) Jesus schert sich kein bisschen um Ansehen oder um die Schwere der Zweifel. Er zeigt sich der Person, die ihn trotz Zweifeln und in der Verzweiflung immer noch sucht. Maria Magdalena weiß nichts davon, was Auferstehung bedeutet, sie kann nicht ahnen, dass Jesus wahrhaftig und wirklich lebt – und in der Tat, sie sucht verzweifelt einen Toten, aber sie findet den Lebendigen, weil der vor ihr steht und ihren Namen ruft.

Ich sehe hierin eine sehr wichtige und bedeutungsvolle Eigenschaft des Christentums. Wir dürfen Zweifeln, denn unser Zweifel ist der Schlüssel dazu, nach Jesus zu suchen. Wer nämlich zweifelt, stellt Fragen und wer Fragen stellt, rechnet mit Antwort. Das Überraschende für Maria aber war wohl, dass sie auf Ihre Frage „Wo hast du ihn hingebracht?“ nicht die erwartete Antwort bekommt. Der vermeintliche Gärtner gibt ihr keine Wegbeschreibung und keine Erklärung, sondern er gibt sich selbst zu erkennen.

Besonders für die Auferstehung ist diese überraschende Wendung sehr wichtig. Wer an der Auferstehung zweifelt und nach einer Antwort sucht, wie das Ganze von statten gegangen ist, wird niemals eine eindeutige Antwort darauf bekommen, wie das ganz passiert ist. Wer aber Jesus bei den Toten sucht, muss früher oder später damit rechnen, dass Jesus selbst als der Lebendige dasteht und ruft! Wenn Sie also an der Auferstehung zweifeln, möchte ich Sie heute dazu ermutigen, sich von Zweifeln nicht einnehmen zu lassen, sondern wie Maria Magdalena nach Antworten zu suchen. Ich bin mir sicher, dass sich Jesus in einer Art und Weise zeigen wird, wie Sie nicht damit rechnen.

Die zweite Sache, die mir heute an diesem Text wichtig ist: Wenn sich Jesus in Ihrem Leben gezeigt hat, können Sie das nicht für sich behalten, denn nur über das Zeugnis: „Ich habe den Herrn gesehen!“ kann die Botschaft vom Kreuz und der Auferstehung auch heute noch lebendig bleiben. Glauben heißt, dieser Botschaft zu vertrauen, auch wenn sie rational nicht erklärbar ist. Genau deshalb stehe ich heute hier: Als wissenschaftlich gebildeter Mensch sage ich: Jesus ist wahrhaftig auferstanden und ich akzeptiere es, dass es eine Sache auf diesem Planeten gibt, die wir niemals erklären können, sondern die wir einfach nur hinnehmen und glauben müssen: Jesus ist auferstanden!

Ich bin mir sicher, dass dieses Bekenntnis allein niemanden überzeugen kann, der zweifelt. Es geht auch nicht darum, mit einem Fingerstreich alle Zweifel an Kirche, Religion, Glaube und Theologie vom Tisch zu wischen. Glaube und Zweifel sind zwei Seiten derselben Medaille und darin liegt für mich der wesentliche Kern unserer evangelischen Kirche: Ich darf zweifeln, ich darf kritisch alles hinterfragen, was von hier oben verkündigt wird, ich darf selbst in der Bibel lesen und mir eine eigene Meinung bilden, ich darf im Gebet und im Nachdenken mit Gott und mit meinen Zweifeln ringen und ich darf um Antworten flehen und mit anderen Christinnen und Christen über Meinungen streiten. Aber ich habe auch das Recht, mich hier hin zu stellen und Zeugnis ablegen: „Ich habe den Herrn gesehen!“ Ich habe erlebt, wie sich Dinge in meinem Leben plötzlich gefügt haben; wie sich Türen geöffnet haben – und ich wehre mich dagegen, das irgendwie einem „Zufall“ zuzuschreiben und ich bin mir sicher, dass wegen der Auferstehung der Tod nicht das Ende ist: Deshalb predige ich, weil ich glaube – weil ich darauf vertraue – , dass selbst da Begegnungen mit Gott möglich sind, wo alles so gewöhnlich erscheint und ich meine, dass das  nur der Gärtner ist.

Diese beiden Seiten Zweifel und Glauben lassen sich nur deshalb verbinden, weil Jesus dort am Grab steht und sagt: „Du!“ Und das sagt er nicht zu den besonders Frommen, zu den besonders Angesehenen, zu wichtigen und besonderen Menschen. Das sagt er zu allen, die ihn suchen und sich nicht auf bloße Indizien stützen wollen!  Und genau deshalb, weil er es allen sagt, möchte ich Sie an diesem Ostersonntag ermutigen, das genauso auszusprechen: Fragen Sie, sprechen Sie Ihre Zweifel aus, gehen Sie auf die Suche und antworten Sie, sagen Sie, was Ihnen der Glaube an Jesus, den Auferstandenen bedeutet. Rechnen Sie damit, dass Jesus sich von Ihnen finden lässt und Ihren Namen sagt.


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